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21.08.2011

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Eine
Bergische Uhr erzählt...
(nach authentischen Dokumenten zusammengestellt) |
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„1766
verließ ich die Werkstatt des berühmten Uhrmachers Johann Wilhelm
Winkel, Elberfeld, der als erster im Bergischen Land Bodenstanduhren, sog.
Langgänger, fertigte. 235 Jahre alt... und ich fühle mich fantastisch.
Ich besitze ein schönes Nussbaum-Wurzelholzgehäuse mit
Obstholzintarsien. Mein feines Messingwerk zeigt außer Stunde und Minute
die Sekunde und das Datum an sowie Mondphase und Mondalter. So
ausgestattet war ich wohl direkt prädestiniert, als Hochzeits-geschenk
1767 in das Haus des Elberfelder Fabrikanten Johann Caspar Nieland und
Gertrude Schürmann zu kommen. Die jüngste Tochter Marian Henriette hatte
mich besonders ins Herz geschlossen. Als sie den Weinhändler Johann
Dietrich Wilhelm Schultz zum Mann nahm, schwatzte sie mich ihren Eltern ab
und auf ging's nach Köln. Lebhafte Jahre mit drei heranwachsenden Kindern
verlebte ich hier. Napoleons Stern stieg auf und versank wieder.
Durch Erbgang gelangte ich zum ältesten
Sohn, Wilhelm Schultz und seiner Frau Alwine Nieland, der Tochter eines
Bruders meines früheren Besitzers. Früh Witwe geworden, heiratete Alwine
Schultz Gustav Sautelet. Ein Vierteljahrhundert zeigte ich dem Paar die
Zeit an, bis 1906 Alwine starb. Drei Nichten erwarben mich aus ihrem
Nachlass, die mich ihrem Bruder Julius Gerlach zum 60. Geburtstag
schenkten. Nur fünf Jahre konnte er sich an mir erfreuen. Seine Frau
verkaufte mich an Pauline Brönner-Brandeis in Frankfurt. Als diese dann
1915 das Zeitliche segnete, ging es wieder auf Reisen. Ich zog zu ihrem
Sohn Wilhelm Brandeis nach Zürich. Hier gab ich während des ersten und
zweiten Weltkrieges die Zeit an. 1951 aber musste ich mit meinen drei
wohlklingenden Glocken wieder ein letztes Stündlein schlagen. Laut
Testament ging ich in den Besitz seines Neffen Fred Brandeis in Canada
über. So überquerte ich den Atlantik. Mein neuer Besitzer schrieb sogar
an den damaligen Oberstadtdirektor Wuppertals, Werner Stelly, um Näheres
über meinen Meister „A.W.Wintel" zu erfahren. Er konnte die
altertümliche Schrift aus dem 18. Jh. nicht lesen, andererseits war er
aber sehr stolz auf mich, denn er schrieb: „There is no time piece in
our House, which keeps such accurate time." Offenbar konnte der OB
aber keine Antwort geben, denn er verwies ihn an die Uhrmacherfamilie
Abeler, die 1958 ein Uhrenmuseum eröffnet hatte. Aber auch die konnte die
Anfrage von 1964 nicht beantworten. Wie ich später erfuhr, war ich der
Anlass für Jürgen Abeler, der Geschichte der Bergischen Uhr einmal
gründlich nachzugehen.
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Ich bin stolz darauf, in
seinem Buch „Alt-Bergische Uhren und die Uhrmacherfamilien im Bergischen
Land" abgebildet zu sein, zusammen mit der Erwähnung meines
Meisters, seinen Daten und einem Teil der von ihm geschaffenen Uhren. 1966
starb Fred Brandeis. Mit all seinem Mobiliar gelangte ich auf die
Versteigerung des weltberühmten Auktionshauses Sotheby in London. Dort
erwarb mich irgendein Händler und ich kam - sehr zu meinem Leidwesen -
von einer Hand in die andere. Nach Deutschland zurückgekehrt, stand ich
einige Jahre in der Wohnung eines Arztes. Mehr als 200 Jahre hatte ich
bestens funktioniert. Nun aber waren meine Lager verschlissen und ich
musste mich in Rastatt einer Reparatur unterziehen. Zu meinem Schrecken
erfuhr ich, dass mein Besitzer nach Canada auswandern wollte und dass die
modernen Räume dort viel zu niedrig für mich seien; immerhin maß ich ja
2,76 m. So gelangte ich auf eine Auktion nach Frankfurt. Wer mag mich wohl
ersteigern?
Es war die größte
Überraschung: das Wuppertaler Uhrenmuseum brachte mich nach 214 Jahren
zurück in meine Heimatstadt. In der Spezialwerkstatt für antike Uhren
der „Abelers" wurde ich auseinandergenommen, gereinigt, repariert
und mein Gehäuse durch den Kunsttischler Otterbein aufgearbeitet. Längst
strahle ich wieder in altem Glanz. Ja, so mancher „Kollege" in der
Sammlung könnte Geschichten erzählen, hätte er - so wie ich - kostbare
Zettel im Uhrenkasten, auf denen die Besitzer seinen Weg aufgezeichnet
haben." |
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